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Etwas Mystisches hängt an diesem Küstenstrich.
Schöner als alle anderen soll er sein.
Ein Paradies aus schroffen Felsnasen und
goldenen Sandbuchten, dem azurblaues Wasser
um die Füße schwappt. Die Fassaden des Reichtums
glitzern in der Sonne. Und hinter den Mauern
leben einige Auserwählte den Traum vom großen
Glück. Prinzessinnen und Hollywood-Sternchen.
Star-Athleten und Schönheitsköniginnen.
Mit allem Drum und Dran: einer Villa, einem
Rolls, als Krönung eine (gediegene) Yacht.
Ob man hier auch als Normalsterblicher segeln
kann, ohne sich pausenlos wie ein armer
Schlucker zu fühlen? Noch dazu in der Hochsaison.
Und ob man es womöglich sogar wieder tun
würde? Diese Antwort an Land zu bringen
ist unser Auftrag.
Zunächst verordnen wir uns den Mythos am
Stück - 95 Meilen, von Bandol bis Monaco.
Voraus blaues Blut. Aber"Cool Dream" hat
es nicht eilig. Sie kreuzt ihrem Ziel entgegen.
Am Nachmittag noch voller Elan, gegen Abend
motort sie dann durch eine Flaute. Und später,
nachdem das Blau über und unter uns in tiefes
Schwarz übergegangen ist, schunkelt sie
sanft durch die Nacht. Das Meer sieht aus
wie ein gespanntes Laken, und minütlich
fallen Sternschnuppen vom Himmel. So viele,
daß mir keine Wünsche mehr einfallen.
Unser Hochgefühl endet fünf Meilen vor
Monacos Hafen La Condamine."Sorry, we are
full", erwidert der Hafenkapitän unsere
UKW-Anfrage und will uns tatsächlich den
Zutritt zum Fürstentum verweigern. Alles
belegt, um 14.30 Uhr? Aber den Hartnäckigen
belohnt das Leben. Manchmal in Form eines
Liegeplatzes. Denn man sollte Hafenkapitänen
nicht immer glauben. Schon gar nicht über
UKW-Funk.
Nun liegen wir zwischen fährengroßen Privatyachten
mit Hubschraubern drauf. Das Casino thront
auf seinem Felssockel, hoch über dem Hafen
flattert die Grimaldi-Flagge im Wind. Alles
ist, wie es sein soll. Nur eines nicht:
Statt des internationalen Jet-sets flanieren
Massen von Normalsterblichen auf der Pier.
Leute wie wir. Weit und breit keine Prinzessinnen
- ganz zum Ärger meiner männlichen Crewmitglieder.
Nicht mal goldbehängte Chanel-Frauen mit
Schoßhündchen. Bleibt uns nur ein Bad in
der gemeinen Menge, vielleicht ein Besuch
im Casino. Doch reich wird selten, wer den
Kuppelbau betritt. Daher lassen wir’s und
kappen statt dessen die Landleinen.
Der Himmel über Monaco ist von grauen Punkten
gesprenkelt - Hubschrauber sorgen für Verbindung.
Von Südost bläst eine steife Brise, das
Meer spuckt weiße Sahnehäubchen in die Luft.
Zu gute Verhältnisse für so wenige Seemeilen.
Wir stimmen ab - und lassen Nizza rechts
liegen. Also nächste Station: Antibes.
Picasso hat es geliebt, sein Antibes. Diese
Stadt mit ihrer verwinkelten Altstadt und
dem blauen Meer davor. Doch Schönheit hat
bekanntlich ihren Preis, und zwar ganz konkret:
Ein Cappuccino kann hier locker zehn Mark
kosten, ein Glas Wasser dazu noch mal dasselbe.
Und im Wettbewerb um die höchsten Liegegebühren
ist Antibes immer mit an vorderster Front.
Antibes protzt weiter: Mit etwa 1700 Liegeplätzen
hat es den größten Yachthafen der Côte d’Azur.
Und während die ersten zwei Dutzend Plätze
an Backbord vorüberziehen, schiebt sich
eine blitzende Mega-Yacht nach der anderen
vor unsere Linse. Eine Kulisse, die beruhigt.
Die bestätigt, daß noch nicht aller Glanz
verflogen ist. Daß der Mythos vielleicht
noch am Leben ist.
Der nächste Tag: Die Sonne brennt vom Himmel.
Wie ein träges Ungeheuer schwappt das Wasser
kraftlos unter unserem Bug. Keine Chance
auf einen Segeltag, also beschränken wir
uns auf Ankern und Baden - nördlich der
Île St. Marguerite. Oder, anders gesagt:
auf dem Standstreifen der maritimen Autobahn
zwischen Cannes und Antibes. Ein bißchen
voll, ein bißchen ungeschützt. Sorry, Côte
d’Azur, aber da gibt es schönere Badebuchten.
Nach St. Tropez sind es 24 Seemeilen. Immer
die Küste entlang, vorbei an Cannes, an
einem Haufen kleiner Touristen-Hochburgen
und an St. Raphaël. Mit einer leichten Brise
schiebt sich"Cool Dream" vorwärts, bis unser
Ziel über den Horizont kriecht. Und das
Meer zwischen kleinen und großen Yachten,
Speedbooten und Jet-Skis immer enger wird.
St. Tropez - ein Dorf mit besonderer Anziehungskraft.
Hier haben Frauen erstmals ihre Bikinioberteile
fallen lassen. Und hier feiern die Modetrends
der ganzen Welt Premiere.
Viele kommen hierher und suchen. Nach Brigitte
Bardot. Oder nach Mario Adorf. Wir suchen
erst mal einen Liegeplatz. Kein leichtes
Unternehmen, auch wenn es mehr als 800 davon
gibt. Wir ergattern den letzten. Alle, die
nach 14 Uhr reinwollen, haben Pech. St.
Tropez ist voll. Übervoll. Dennoch muß man
ihn einmal gesehen haben, diesen Ort, der
sich in der Legende zu einem vergnügungssüchtigen
Jet-set-Monster aufbläht und doch in Wirklichkeit
nicht viel mehr ist als ein schmuckes Dörfchen
mit rund 6000 Einwohnern. Doch die Legende
verblaßt zusehends, der Massentourist hat
das Erbe angetreten. Er überflutet die Altstadt,
die Pizzerien, die Bars und die Diskotheken.
Und niemand hier macht den Eindruck, als
vermisse er irgend etwas. Muße und Ruhe
womöglich. Oder einfach nur einen freien
Tisch im Restaurant - wie wir es tun.
Gerade als sich unsere Stimmung dem Nullpunkt
nähert, plumpst die glutrote Sonne ins Meer,
der Horizont wechselt von Kirschrot zu Pflaumenviolett.
St. Tropez wirft uns ein Tuch aus dem sanften
Licht der letzten Sonnenstrahlen zu. So
als wollte es unseren Ärger wegwischen.
Von Port Grimaud steht in der Geschichte
über die Côte d’Azur nichts geschrieben.
Kann es auch nicht. Port Grimaud war zu
der Zeit, als das Phantasieland wuchs, noch
nicht mit von der Partie. Es kam erst vor
20 Jahren dazu, zwei Seemeilen landeinwärts,
tief drinnen im Golf von St. Tropez. Aber
dieses Gewirr aus Landzungen, Brücken und
schiefen Fassaden fügt sich nahtlos ein
in die Kulisse der schönen Küste. Und überall
in diesem maritimen Kunstbauwerk kann man
festmachen.
Natürlich ist auch dieser Hafen so gut
wie voll. Aber diesmal haben wir nicht über
UKW, sondern per Handy nach einem Platz
gefahndet. Ein Tip ohne Gewähr zwar, aber
offensichtlich mit deutlich besseren Erfolgschancen.
Gleich hinter dem Golf von St. Tropez bröckelt
die Kulisse des Märchenlandes. Zwar schwimmen
am Ufer noch vereinzelt Sandburgen und Sonnenschirme
vorbei. Aber die großen Geschichten liegen
in unserem Kielwasser."Cool Dream" schmeißt
sich ins azurblaue Meer, bäumt sich mit
jeder Welle auf, bläht Groß und Genua der
Sonne entgegen.
Mit neun Knoten Top-Speed schießt unsere
Dufour dem nächsten Ziel entgegen. Den Îles
d’Hyères, genauer gesagt: der Insel Porquerolles.
Der Hafen von Porquerolles ist voll. Uns
werden gnädig vier Stunden Aufenthalt gewährt
-"nicht länger", meint der Hafenkapitän
und läßt bedenklich seinen Zeigefinger hin-
und herwakkeln. Bleibt uns danach nur die
Ankerbucht Port-Man um die Inselecke, ebenso
wie den rund hundert anderen Yachten. Ich
sitze an Deck, im Reich aus Licht und Sonne.
Vom Ufer weht ein Cocktail aus Eukalyptus,
Thymian, Pinien und Honig herüber. An Land
Stachelbeergrün, unter mir Blaubeerblau.
Planschen und Sonnenbaden. Ein dekadenter
Ausnahmezustand.
Ob man hier auch als Normalsterblicher
segeln kann? Noch dazu in der Hochsaison?
Sie haben es gelesen - man kann. Ziemlich
gut sogar. Aber wer Einsamkeit und Romantik
sucht, sollte es vergessen. Und wer sich
erholen will? Sollte seinen Törn statt dessen
lieber zwischen den Ostfriesischen Inseln
planen, wo man gesunde Salzluft und Reizklima
inhalieren kann.
Wer an die Côte d’Azur fährt - noch dazu
im Juli oder im August - will sich nicht
erholen. Der will staunen, vielleicht auch
bestaunt werden. Der will Jubel und Trubel,
vielleicht auch ein wenig Kultur.
Was er auf jeden Fall bekommt: Jede Menge
Blau. Manchmal tiefblau, dann himmelblau,
ein paar Seeschläge weiter badet man in
Curaçao. Das Blau attakkiert einen, trifft
direkt ins Stammhirn, macht einen abhängig
und erlegen. So ist es schon Generationen
vor uns ergangen. Ist es da ein Wunder,
wenn man darüber das Theater aus Schönheit
und Reichtum verdrängt?
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