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  Revierbericht

Côte d’azur
Frankreich trägt Blau

Blau, so weit das Auge reicht. Die berauschende Farbe des Mittelmeeres schenkte diesem Revier den Namen - Blaue Küste, Côte d’azur. Kann man hier im Kielwasser des Jet-sets einen tollen Segelsommer erleben? Und wenn ja, würde man es wieder tun? Zwischen St. Tropez und Monaco haben wir die Antworten gefunden.

 
Schöne Aussicht:Blau, so weit das Auge reicht.
© M. Amme
Über den Dächern von Port Grimaud: Eine Lagunenstadt krönt den Golf von St. Tropez
© M. Amme
Abschied von der Küste: Hinter Monaco erheben sich die Seealpen.
© M. Amme
Jeder Quadratmeter zugebaut, davor Schiffe in allen Preisklassen: Monte Carlo.
© M. Amme
 

Etwas Mystisches hängt an diesem Küstenstrich. Schöner als alle anderen soll er sein.
Ein Paradies aus schroffen Felsnasen und goldenen Sandbuchten, dem azurblaues Wasser um die Füße schwappt. Die Fassaden des Reichtums glitzern in der Sonne. Und hinter den Mauern leben einige Auserwählte den Traum vom großen Glück. Prinzessinnen und Hollywood-Sternchen. Star-Athleten und Schönheitsköniginnen. Mit allem Drum und Dran: einer Villa, einem Rolls, als Krönung eine (gediegene) Yacht.
Ob man hier auch als Normalsterblicher segeln kann, ohne sich pausenlos wie ein armer Schlucker zu fühlen? Noch dazu in der Hochsaison. Und ob man es womöglich sogar wieder tun würde? Diese Antwort an Land zu bringen ist unser Auftrag.
Zunächst verordnen wir uns den Mythos am Stück - 95 Meilen, von Bandol bis Monaco. Voraus blaues Blut. Aber"Cool Dream" hat es nicht eilig. Sie kreuzt ihrem Ziel entgegen. Am Nachmittag noch voller Elan, gegen Abend motort sie dann durch eine Flaute. Und später, nachdem das Blau über und unter uns in tiefes Schwarz übergegangen ist, schunkelt sie sanft durch die Nacht. Das Meer sieht aus wie ein gespanntes Laken, und minütlich fallen Sternschnuppen vom Himmel. So viele, daß mir keine Wünsche mehr einfallen.

Unser Hochgefühl endet fünf Meilen vor Monacos Hafen La Condamine."Sorry, we are full", erwidert der Hafenkapitän unsere UKW-Anfrage und will uns tatsächlich den Zutritt zum Fürstentum verweigern. Alles belegt, um 14.30 Uhr? Aber den Hartnäckigen belohnt das Leben. Manchmal in Form eines Liegeplatzes. Denn man sollte Hafenkapitänen nicht immer glauben. Schon gar nicht über UKW-Funk.
Nun liegen wir zwischen fährengroßen Privatyachten mit Hubschraubern drauf. Das Casino thront auf seinem Felssockel, hoch über dem Hafen flattert die Grimaldi-Flagge im Wind. Alles ist, wie es sein soll. Nur eines nicht: Statt des internationalen Jet-sets flanieren Massen von Normalsterblichen auf der Pier. Leute wie wir. Weit und breit keine Prinzessinnen - ganz zum Ärger meiner männlichen Crewmitglieder. Nicht mal goldbehängte Chanel-Frauen mit Schoßhündchen. Bleibt uns nur ein Bad in der gemeinen Menge, vielleicht ein Besuch im Casino. Doch reich wird selten, wer den Kuppelbau betritt. Daher lassen wir’s und kappen statt dessen die Landleinen.
Der Himmel über Monaco ist von grauen Punkten gesprenkelt - Hubschrauber sorgen für Verbindung. Von Südost bläst eine steife Brise, das Meer spuckt weiße Sahnehäubchen in die Luft. Zu gute Verhältnisse für so wenige Seemeilen. Wir stimmen ab - und lassen Nizza rechts liegen. Also nächste Station: Antibes.

Picasso hat es geliebt, sein Antibes. Diese Stadt mit ihrer verwinkelten Altstadt und dem blauen Meer davor. Doch Schönheit hat bekanntlich ihren Preis, und zwar ganz konkret: Ein Cappuccino kann hier locker zehn Mark kosten, ein Glas Wasser dazu noch mal dasselbe. Und im Wettbewerb um die höchsten Liegegebühren ist Antibes immer mit an vorderster Front. Antibes protzt weiter: Mit etwa 1700 Liegeplätzen hat es den größten Yachthafen der Côte d’Azur. Und während die ersten zwei Dutzend Plätze an Backbord vorüberziehen, schiebt sich eine blitzende Mega-Yacht nach der anderen vor unsere Linse. Eine Kulisse, die beruhigt. Die bestätigt, daß noch nicht aller Glanz verflogen ist. Daß der Mythos vielleicht noch am Leben ist.
Der nächste Tag: Die Sonne brennt vom Himmel. Wie ein träges Ungeheuer schwappt das Wasser kraftlos unter unserem Bug. Keine Chance auf einen Segeltag, also beschränken wir uns auf Ankern und Baden - nördlich der Île St. Marguerite. Oder, anders gesagt: auf dem Standstreifen der maritimen Autobahn zwischen Cannes und Antibes. Ein bißchen voll, ein bißchen ungeschützt. Sorry, Côte d’Azur, aber da gibt es schönere Badebuchten. Nach St. Tropez sind es 24 Seemeilen. Immer die Küste entlang, vorbei an Cannes, an einem Haufen kleiner Touristen-Hochburgen und an St. Raphaël. Mit einer leichten Brise schiebt sich"Cool Dream" vorwärts, bis unser Ziel über den Horizont kriecht. Und das Meer zwischen kleinen und großen Yachten, Speedbooten und Jet-Skis immer enger wird. St. Tropez - ein Dorf mit besonderer Anziehungskraft. Hier haben Frauen erstmals ihre Bikinioberteile fallen lassen. Und hier feiern die Modetrends der ganzen Welt Premiere.

Viele kommen hierher und suchen. Nach Brigitte Bardot. Oder nach Mario Adorf. Wir suchen erst mal einen Liegeplatz. Kein leichtes Unternehmen, auch wenn es mehr als 800 davon gibt. Wir ergattern den letzten. Alle, die nach 14 Uhr reinwollen, haben Pech. St. Tropez ist voll. Übervoll. Dennoch muß man ihn einmal gesehen haben, diesen Ort, der sich in der Legende zu einem vergnügungssüchtigen Jet-set-Monster aufbläht und doch in Wirklichkeit nicht viel mehr ist als ein schmuckes Dörfchen mit rund 6000 Einwohnern. Doch die Legende verblaßt zusehends, der Massentourist hat das Erbe angetreten. Er überflutet die Altstadt, die Pizzerien, die Bars und die Diskotheken. Und niemand hier macht den Eindruck, als vermisse er irgend etwas. Muße und Ruhe womöglich. Oder einfach nur einen freien Tisch im Restaurant - wie wir es tun.
Gerade als sich unsere Stimmung dem Nullpunkt nähert, plumpst die glutrote Sonne ins Meer, der Horizont wechselt von Kirschrot zu Pflaumenviolett. St. Tropez wirft uns ein Tuch aus dem sanften Licht der letzten Sonnenstrahlen zu. So als wollte es unseren Ärger wegwischen. Von Port Grimaud steht in der Geschichte über die Côte d’Azur nichts geschrieben. Kann es auch nicht. Port Grimaud war zu der Zeit, als das Phantasieland wuchs, noch nicht mit von der Partie. Es kam erst vor 20 Jahren dazu, zwei Seemeilen landeinwärts, tief drinnen im Golf von St. Tropez. Aber dieses Gewirr aus Landzungen, Brücken und schiefen Fassaden fügt sich nahtlos ein in die Kulisse der schönen Küste. Und überall in diesem maritimen Kunstbauwerk kann man festmachen.

Natürlich ist auch dieser Hafen so gut wie voll. Aber diesmal haben wir nicht über UKW, sondern per Handy nach einem Platz gefahndet. Ein Tip ohne Gewähr zwar, aber offensichtlich mit deutlich besseren Erfolgschancen. Gleich hinter dem Golf von St. Tropez bröckelt die Kulisse des Märchenlandes. Zwar schwimmen am Ufer noch vereinzelt Sandburgen und Sonnenschirme vorbei. Aber die großen Geschichten liegen in unserem Kielwasser."Cool Dream" schmeißt sich ins azurblaue Meer, bäumt sich mit jeder Welle auf, bläht Groß und Genua der Sonne entgegen.
Mit neun Knoten Top-Speed schießt unsere Dufour dem nächsten Ziel entgegen. Den Îles d’Hyères, genauer gesagt: der Insel Porquerolles.
Der Hafen von Porquerolles ist voll. Uns werden gnädig vier Stunden Aufenthalt gewährt -"nicht länger", meint der Hafenkapitän und läßt bedenklich seinen Zeigefinger hin- und herwakkeln. Bleibt uns danach nur die Ankerbucht Port-Man um die Inselecke, ebenso wie den rund hundert anderen Yachten. Ich sitze an Deck, im Reich aus Licht und Sonne. Vom Ufer weht ein Cocktail aus Eukalyptus, Thymian, Pinien und Honig herüber. An Land Stachelbeergrün, unter mir Blaubeerblau. Planschen und Sonnenbaden. Ein dekadenter Ausnahmezustand.

Ob man hier auch als Normalsterblicher segeln kann? Noch dazu in der Hochsaison? Sie haben es gelesen - man kann. Ziemlich gut sogar. Aber wer Einsamkeit und Romantik sucht, sollte es vergessen. Und wer sich erholen will? Sollte seinen Törn statt dessen lieber zwischen den Ostfriesischen Inseln planen, wo man gesunde Salzluft und Reizklima inhalieren kann.
Wer an die Côte d’Azur fährt - noch dazu im Juli oder im August - will sich nicht erholen. Der will staunen, vielleicht auch bestaunt werden. Der will Jubel und Trubel, vielleicht auch ein wenig Kultur.
Was er auf jeden Fall bekommt: Jede Menge Blau. Manchmal tiefblau, dann himmelblau, ein paar Seeschläge weiter badet man in Curaçao. Das Blau attakkiert einen, trifft direkt ins Stammhirn, macht einen abhängig und erlegen. So ist es schon Generationen vor uns ergangen. Ist es da ein Wunder, wenn man darüber das Theater aus Schönheit und Reichtum verdrängt?



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